Würdigung von Werken, die in der „Interstellaren Kunstkritik“ veröffentlicht wurden.
Ryusuke – Werke im Fokus (Teil 2)
In der Fachwelt gilt die Begegnung mit seiner Frau als Wendepunkt in Ryusukes künstlerischem Stil. Während er das Sternenmeer bereiste, um die Krankheit seiner Frau und seiner Tochter zu heilen, erweiterte sich auch sein künstlerischer Horizont.
Phase 3: Reisezeit
Auf seiner illusionären Suche kam Ryusuke mit den Kunstformen zahlreicher Zivilisationen in Berührung. Je tiefer er in seine Erkundungen eintauchte, desto mehr verschlang ihn ein Gefühl der Bedeutungslosigkeit. Dies führte dazu, dass Ryusuke eine besondere Resonanz für die Kunstformen untergehender Zivilisationen entwickelte. So begann er, sie aufzuzeichnen, selbst wenn es sich nur um flüchtige Eindrücke auf seiner Reise handelte.
Daher weisen Ryusukes Werke aus dieser Zeit gewöhnlich einen starken Entdeckerdrang und eine experimentelle Natur auf, mit Zügen von Skizzen und Handnotizen. Nachdem er die künstlerischen Ansichten von Lilaso Enger und Christopher Hong kennengelernt hatte, wandte er sich allmählich dem heutigen Sternenstaub-Realismus zu. Ryusukes Schlüsselwerk „Kreisförmiger Seufzer“ gilt als Grundstein des Sternenstaub-Realismus und markiert zugleich das Ende seiner Reisezeit. Dieses Werk befindet sich auf einem Kometen und besitzt kaum einen physischen Körper, sondern ist vielmehr ein rituelles Feld der Selbstdekonstruktion, das ein Systemjahr andauert. Feinstaub aus verschiedenen Zivilisationen (darunter klassische Kunstrepliken, politische Denkmäler und berühmte Symbole) wird durch eine spezielle Vorrichtung zusammen mit den Eissplittern des Kometen in dessen Umlaufbahn gestreut, begleitet von der einzigartigen Volksmusik dieser Zivilisationen, als wäre es ihr letzter Seufzer an das Universum.
„Terminus“ mag am Ende alles verschlingen, doch er kann die Fragmente, die unsere Liebe, Ehre und unser einfachstes Lachen und Fluchen in der Raumzeit verstreut haben, nicht wegnehmen.
(Anm. 1: Lilasos Ansichten zur Spurentheorie haben in den letzten zwei Bernsteinzeitaltern viele Künstler beeinflusst. Sie vertritt die Meinung, dass das Wesen der Zivilisation darin besteht, kontrollierbare „Spuren“ in der Raumzeit zu hinterlassen, während die ultimative Mission der Kunst darin liegt, mit minimalem Eingriff Spuren, die maximale Resonanz erzeugen, zu schaffen und diese Spuren selbst zu einem Teil der Dynamik des Universums werden zu lassen.)
Phase 4: Vollendung des Sternenstau-Realismus
Der Sternenstaub-Realismus ist eine neue Art realistischer Kunst, die kosmischen Staub, Kometeneis und die Reststrahlung abgestorbener Planeten im großen Stil als Material verwendet. Das Thema konzentriert sich hauptsächlich auf „Zerbrechlichkeit“ – Ökosysteme ursprünglicher Planeten kurz vor dem Untergang, von der Familie assimilierte oder in das interstellare Handelsnetzwerk integrierte Grenzsterne, Naturlandschaften von Sternenregionen, die von der „Zerstörung“ oder der „Nichtigkeit“ verschlungen wurden, usw.
Nach seiner Rückkehr nach Planarcadia veränderte sich Ryusukes mentaler Zustand, als er vom Tod seiner Frau erfuhr. Einige Kritiker waren sogar der Meinung, dass seine übermäßige Verhätschelung seiner Tochter eine Übertragung seiner Gefühle für seine Frau war, die aus seinem tiefen Gefühl des Versagens beim Erschaffen und Fortführen von Leben herrührte. Und dieses Gefühl des Versagens wurde noch durch eine Note der Einsamkeit verstärkt, nachdem seine Tochter gegangen war.
Neben seiner Lehrtätigkeit bereitet Ryusuke schon seit Langem ein Projekt namens „Heimkehr“ vor: Er beabsichtigt, auf mehreren sternlosen, vagabundierenden Planeten im Universum gleichzeitig „Denkmäler“ zu errichten, die visuellen Symbole aller bekannten ausgelöschten Zivilisationen aufzuzeichnen und Schwerkraftauslöser zu installieren, damit diese Inschriften gleichzeitig aufleuchten, wenn der Kosmos der „Endgültigkeit“ entgegengeht. Dies wird als sein Versuch angesehen, eine kollektive Ruhestätte für alles „Verlorene“ zu finden und ist zugleich seine persönliche, ultimative Form des „Erinnerns“. Doch das Projekt hat aus technischen, ethischen und ressourcenbedingten Gründen enorme Kontroversen in der interstellaren Kunstszene ausgelöst. Abgesehen von geringfügigen Investitionen der Trauernden Mimen und der Bestattung des Bekenntnisses gibt es bisher kaum Kapitalgeber, die bereit sind, dem Projekt Beachtung zu schenken.
Lehrphilosophie: Obwohl er ständig auf Reisen ist, hat Ryusukes Lehrphilosophie die Graphia-Akademie tiefgreifend verändert. Er hat die Schule, die Techniken der Imagenasis lehrt, zu einem Ort voller Widersprüche gemacht: Einerseits werden streng klassische Maltechniken aus dem Zeitalter der Kunst vermittelt; andererseits ermutigt er die Schüler: „Liebt als Künstler die Imagenaes unter eurem Pinsel und Messer mehr als die Kunst selbst.“
Zusammenfassung: Ryusukes Kunststil gleicht genau dem Motiv, das sein Sternenstaub-Realismus erforscht – seine Kunst beantwortet nicht mehr die großen Fragen des Universums, sondern stellt beharrlich eine menschliche, uralte Frage: Wie bewahren wir angesichts des unvermeidlichen Verlusts die Erinnerung? Warum erschaffen wir?
„Auf dieser Welt gibt es nichts, das ewig hält, doch gibt es immer Momente der Unvergänglichkeit und ich bezeuge sie, um die Spuren ihrer Existenz zu beweisen.“
Sternenstaub-Realismus verwendet im Wesentlichen die ewigen Materialien des Universums, um die flüchtigsten und zerbrechlichsten Dinge zu versiegeln. In diesem Punkt sind viele Kritiker der Ansicht, dass er die ursprüngliche Absicht der „Schöpfung“ von Graphia verraten, Lilaso Engers Philosophie der „Spuren“ hinter sich gelassen und den Weg zu einer schmerzerfüllten Lyrik von interstellarem Ausmaß eingeschlagen hat.
An der Wand seines privaten Ateliers hängt ein einziges Bild. Es entstand, als er Rong während seines Gastaufenthalts an der Graphia-Akademie zum ersten Mal sah. Mit einem groben Stück Holzkohle wurde es hastig auf die Innenseite eines Fertiggericht-Kartons skizziert, Finger hatten die Kohle darauf ungelenk verwischt. Auf dem Bild sitzt die junge Rong seitlich auf den Stufen eines Korridors am Sportplatz, während der Schimmer des Phantasmonds auf ihren Wimpern tanzt. Die kleine handgeschriebene Zeile darunter ist vielleicht Ryusukes wahre, innere Anmerkung zu seiner Kunst: „Ich habe das Sternenmeer bereist und gelernt, die Pracht des Vergehens aller Dinge zu malen, doch ich werde niemals lernen, jenen Morgen zu malen, an dem du gingst.“