In Erinnerung an einen alten Freund
Die Erinnerungen eines Malers der Graphia-Akademie an einen teuren Freund, Ryusuke.

In Erinnerung an einen alten Freund

Meine Bekanntschaft mit Ryusuke begann vor Jahrzehnten. Auf der Suche nach Schulschwänzern habe ich stattdessen einen neuen Lehrer gefunden, der im Hof vor sich hin gedöst hat. Der Mann, der sich als Ryusuke vorstellte, wirkte unbekümmert und träge – eine Gestalt, die ich kaum mit dem Ehemann und Vater in Verbindung bringen konnte, der sich später für seine Familie aufreiben würde, geschweige denn mit dem gefeierten Künstler, dessen Ruhm eines Tages ganz Arcadia erfüllen sollte.

Jahre sind vergangen, doch viele selbsternannte „Kenner“ der Branche haben noch immer eine starke Meinung zu diesem Mann, der in die Familie Graphia eingeheiratet hat, und behaupten, dass „seine Kunstwerke seinem Status nicht gerecht werden“. Obwohl Ryusuke solche Kritik an sich abperlen ließ, fühle ich mich als sein Freund dennoch verpflichtet, die Dinge richtigzustellen, indem ich aufschreibe, was tatsächlich geschah, damit die Leute sich selbst ein Urteil bilden können.

Dieser junge Mann aus Bathia hat sich hoch und heilig geschworen, zum führenden Lehrer und Künstler Arcadias zu werden. Anfangs habe ich mich kaputtgelacht, doch er hat mich schnell eines Besseren belehrt. Hast du jemals einen Kunstlehrer gesehen, der sich zum Wohle seiner Schüler mit Gangstern anlegt? Kurz darauf tauchte der junge Herr Polwave vom Synwish-Syndikat persönlich in der Schule auf, um sich im Namen seiner Untergebenen zu entschuldigen, was die hohen Tiere im Vorstand völlig sprachlos machte.

Herr Polwave sagte, er wolle bei Ryusuke ein Gemälde für den Gangsterboss in Auftrag geben, doch Ryusuke lehnte klipp und klar ab: „Euresgleichen ist noch nicht würdig.“ Die beiden brachen in Gelächter aus und gingen sich fast wieder an die Gurgel. Jahre später legten sich ein paar kleine Ganoven durch eine Laune des Schicksals mit der Tochter dieses Kerls an, ohne es überhaupt zu ahnen. Die haben regelrecht um Ärger gebettelt.

Damals steckten ihm etliche Lehrer und Schüler Liebesbriefe in den Schreibtisch, aber Ryusuke wies jeden einzelnen davon todernst zurück. Du kannst dir also vorstellen, wie überrascht ich war, als ich erfuhr, dass er sich heimlich mit der Tochter des Dekans verlobt hatte. Das war so, als würde man einem Tiger dabei zusehen, wie er lässig einen Apfel mampft.

Erst später, als ich Rong im Krankenhaus besucht habe, habe ich die Wahrheit von ihr erfahren. Nachdem ihr Verwitterungsfluch ausgebrochen war, floh sie aus dem Krankenhaus. Sie wollte nichts mit den Geschäften ihrer Familie zu tun haben, hatte aber keinen Ort, an den sie gehen konnte. Damals haben wir uns bei der Suche nach ihr völlig verausgabt. Wir ahnten ja nicht, dass jemand sie bereits gefunden hatte und ihr sogar heimlich Unterschlupf gewährte.

„Ich kenne dich. Der neue Lehrer von damals. Hat mein Vater noch einen geschickt, um mich zurückzuholen?“

„Nein, ich war nur zufällig in der Nähe unterwegs. Ich konnte es einfach nicht ertragen, ein Mädchen weinen zu sehen, das ist alles.“
„Wenn du irgendwohin willst, komme ich mit dir. Ich bleibe an deiner Seite, bis du dort bist.“
Mit diesen Worten an das Mädchen nahm der junge Mann sie huckepack und verließ Duomension City.

Doch diese märchenhafte Wendung konnte die Tragödie der Familie Graphia nicht umschreiben. Manchmal habe ich diesen grausamen Gedanken: Wenn Ryusuke Rong nie geheiratet und nicht seine ganze Zukunft in die Rettung dieser Mutter und Tochter gesteckt hätte, hätte er vielleicht ein gewöhnliches, glücklicheres Leben geführt. Der Preis ist natürlich, dass der gefeierte Künstler, den die Welt heute kennt, niemals existiert hätte.

Da Ryusuke zwischen verschiedenen Planeten gereist ist, hat er weit mehr Geschichten erlebt, sowohl komische als auch tragische, als wir Erdgebundenen es je könnten. Seine Kunstwerke, erfüllt von einer aufrichtigen Liebe zur Welt, lassen selbst die bescheidenste Seele das Monumentale auf seinen riesigen Leinwänden erblicken. Diese Werke sind eine Hymne an die menschliche Größe – als Individuen, als Ganzes und als flüchtige Reisende durch die Zeit – und senden einen unbeugsamen Schrei des Trotzes in die Welt hinaus.

Bis zum heutigen Tage wandert er noch immer durch das Universum. Ich frage mich oft, wonach er sucht. Alles, was ich als seine Freundin tun kann, ist zu hoffen, dass er findet, was er sucht, wo auch immer er ist.